89. Braucht die Lyrik ein Zentrum?

Lyrikzeitung & Poetry News

Florian Kessler in einem streitbaren Artikel in der Süddeutschen Zeitung vom 17.6. (S.12):

Gleich am ersten Abend des größten Lyrikfestivals, das es in Europa gibt, hatte der eigentlich eher spröde Dichter Oswald Egger einen Auftritt, wie ihn das Berliner Poesiefestival liebt: Hinter Oswald Egger flimmerten seine Gedichtzeilen auf einer Großleinwand, vor ihm saß ein wild gemischtes Riesenpublikum, und Egger selbst wirkte zumindest nach tradierten Lyriklesungsmaßstäben wie ein Bühnenvulkan: Ein schlauer Wurzelsepp im Anzug, der Kryptosätze skandiert und mittendrin plötzlich minutenlang auf Klingonisch flucht.

Beim Poesiefestival wird seit jeher viel programmatische Lust auf die mündliche Darbietung von Dichtung verwendet. Schnöde Schriftlichkeit zählt wenig. Texte seien lediglich die Partitur der Dichtung, behauptete Festivalleiter Thomas Wohlfahrt in seinen Einführungen immer wieder. Gedichte sollen also gerne auch einmal vertanzt oder verfilmt werden. Lesungen unter freiem Himmel in den Stadtteilen und ungewöhnliche Bühnenbegegnungen stehen hoch im Kurs. Man träumt vom publikumsaffinen Verflüssigen von ansonsten viel…

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