Schon vor der Neuerfindung der Kritik als Textkritik entwickelt sich eine widerständige Praxis gegen das Pastorat

Schon vor der Neuerfindung der Kritik als Textkritik entwickelt sich, so Foucault, eine widerständige Praxis gegen das Pastorat: In den religiösen Kämpfen der zweiten Hälfte des Mittelalters, in den Revolten der Mystik, in den Widerstandsnestern gegen die Autorität der klerikalen Schriftauslegung wurde nicht nur die Reformation vorbereitet, sie sind für Foucault auch die „geschichtliche Schwelle, auf der sich jene kritische Haltung entwickelt hat“[26]. Bevor und während es zum gelehrten Widerstand, zur Selbstermächtigung der Philologie gegen das klerikale Exegesemonopol und zur Anwendung der philologischen Kritik auf die biblischen Schriften kommt, entstehen soziale Maschinen gegen die Vermittlung durch den Pastor. Mich hat vor allem interessiert, was die historische Grundlage dessen ist, was Foucault als Ausgangspunkt seiner Ausführungen nimmt, was er auch in der Diskussion seines Vortrags von 1978 als für ihn offene Frage bespricht. Er fragt hier: „Wenn man also diese Dimension der Kritik erkunden möchte, müsste man sich dann nicht mit einem Sockel der kritischen Haltung beschäftigen, die entweder die historische Praktik der Revolte, das Nicht-Akzeptieren einer wirklichen Regierung oder die individuelle Erfahrung der Verweigerung der Regierungsrealität wäre?“[27]

Foucault selbst hat diese Frage in seinem Vortrag offen gelassen. In seinen im selben Jahr abgehaltenen Vorlesungen zur Geschichte der Gouvernementalität finden sich weiterführende Überlegungen: Vor allem in der achten Vorlesung von 1. März 1978 bringt Foucault zahlreiche Hinweise auf die verschiedenen spätmittelalterlichen Widerstände gegen das Pastorat.[28]Aber auch hier hat Foucault die Lücke nicht wirklich geschlossen, seine Methode bleibt eklektisch und bewusst an den Oberflächen. Er führt die wichtigsten Bewegungen an der ständig sich verschiebenden Grenze zwischen innerer und äußerer Kritik an der Kirche auf, bezieht sich hier und da auf einzelne Spezifika dieser Bewegungen, die eine andere Verhaltensführung, ein Gegen-Verhalten erproben.[29]Nicht nur die Hexerei und die bekannten Häresien, sondern die Vielzahl von kleineren und größeren Anormalitäten an den Rändern der kirchlichen Immanenz kommen hier zur Erwähnung. Waldenser, Utraquisten, Kalixtiner, Taboriten, Amalrikaner, Flagellanten, die rheinische Nonnenmystik, die Gesellschaft der Armen und Jeanne Dabenton, Beginen und Begharden, die Brüder des Freien Geistes und Marguerite Porete bevölkern Raum und Zeit dieser marginalen Kartografie des Gegen-Verhaltens vor allem des 12. bis 15. Jahrhunderts.[30]

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