Losurdo und so

Leseprobe: Domenico Losurdo Zur Dialektik bürgerlicher Herrschaft und Knechtschaft

„Im Laufe der amerikanischen Revolution wird von [dem ersten Präsidenten der Vereinigten Staaten] George Washington [1732–1799] nicht nur, wie wir bereits wissen, das ‚liberale politische System‘ gefeiert, sondern gefeiert werden auch die Freunde der „freien Künste“ (liberal arts), im Unterschied zu den ‚Mechanikern‘ (mechanics), den aus Europa kommenden Immigranten von bescheidenem gesellschaftlichen Status. Aber besonders erhellend ist ein Argument von John Adams [1735-1826, dem zweiten US-Präsidenten]. Um eine geordnete Freiheit zu verwirklichen, dürften nicht die ‚Mechaniker‘ und einfachen Leute die Macht ausüben, ‚denen jegliche Kenntnis aus dem Bereich der freien Wissenschaften und Künste‘ fehle; nein, es müßten diejenigen sein, ‚die eine liberale Erziehung erhalten, den üblichen Grad an Belesenheit in den freien Künsten und Wissenschaften erworben haben‘; und das seien ‚die aus guter Familie und die Reichen‘.“ „Nach Abschluss eines ‚Zyklus der Degradierung‘ der Schwarzen, mit dem Ingangsetzen der weißen ‚Unterdrückungsmaschine‘ und dem endgültigen Zusammenwachsen von ‚Sklaverei und rassischer Diskriminierung‘ sehen wir Ende des 17. Jahrhunderts in den Kolonien des britischen Empire eine Chattel Slavery [chattel = persönlicher Sachbesitz] auf rassischer Basis, Chattel racial slavery, die dem elisabethanischen England (und auch dem klassischen Altertum) unbekannt war, die aber vertraut ist den Menschen, die im 19. Jahrhundert leben und die Wirklichkeit der Südstaaten der USA kennen. Und so triumphiert die Sklaverei in ihrer radikalsten Form im goldenen Zeitalter des Liberalismus und im Herzen der liberalen Welt.“ „Korrekt und in seiner ganzen Radikalität formuliert, liegt das Paradox, vor dem wir stehen, darin: Der Aufstieg des Liberalismus und die Ausbreitung der Chattel Slavery auf rassischer Basis sind das Produkt einer Zwillingsgeburt, die, wie wir sehen werden, recht einmalige Eigenschaften aufweist.“ „Mit dem Erscheinen des modernen Eigentums ist es dem Patron erlaubt, über dieses nach Gutdünken zu verfügen. Im Virginia der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts gilt eine Norm, wonach der Patron selbst bei Tötung seines Sklaven praktisch straffrei bleibt. Ein solches Verhalten sei nicht als (schweres) Verbrechen (felony) zu betrachten, da man nicht annehmen kann, dass eine absichtliche Niedertracht (und nur eine solche macht aus einer Tötung einen Mord) einen Menschen veranlasst, sein Eigentum zu zerstören. Als sich, zuerst mit der Glorreichen Revolution, und dann vollständiger mit der amerikanischen Revolution, die Selbstregierung der von den Sklavenhaltern dominierten Zivilgesellschaft durchsetzt, führt dies auch zur endgültigen Beseitigung der traditionellen ‚Einmischungen‘ der politischen und religiösen Autoritäten; die Taufe und das christliche Glaubensbekenntnis sind jetzt irrelevant. In Virginia kann man Ende des 17. Jahrhunderts ‚ohne gerichtliche Formalitäten‘ einen schuldigen Sklaven exekutieren, der sich eines Kapitalverbrechens schuldig gemacht hat; die Ehe zwischen Sklaven ist kein Sakrament mehr, und auch Beerdigungen verlieren ihre Feierlichkeit. Zu Anfang des 19. Jahrhunderts kann ein Jurist aus Virginia (George Tucker) feststellen, dass der Sklave ,nicht nur politisch, sondern auch physisch und moralisch unter dem Rang menschlicher Wesen‘ angesiedelt ist.“ Domenico Losurdo: Freiheit als Privileg – Eine Gegengeschichte des Liberalismus. PapyRossa Verlag, Köln 2010, 464 Seiten, 22,90 Euro
Weitere lesenswerte Untersuchungen des Autors zu Aspekten der „Demokratie“:
Domenico Losurdo: Kampf um die Geschichte. Der historische Revisionismus und seine Mythen – Nolte, Furet und die anderen, PapyRossa Verlag, Köln 2007 Domenico Losurdo: Demokratie oder Bonapartismus. Triumph und Niedergang des allgemeinen Wahlrechts. PapyRossa Verlag, Köln 2008 Domenico Losurdo: Nietzsche, der aristokratische Rebell – Intellektuelle Biographie und kritische Bilanz. Argument/Inkrit, Berlin 2009, 1104 Seiten, 98 Euro, zwei Bände; ISBN 978-3-88619-338-7

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